• Chapter 1 Studifinder - 1.8  Höhere Funktionen - Exponentialfunktionen

      Hinführung

      Datum Sep 28, 2026
      orca_hoeherefkt_expfkt_
      Exponentialfunktionen
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      Legende über das Schachspiel und die Reiskörner

      8_lv_Schachbrett.png
      Bild 1
      Obwohl sich die Forschung über die genauen Umstände der Entstehung des Schachspiels unklar ist, hält sich die folgende Legende am Leben:
      Der indische Minister Sissa ibn Dahir soll einst das Schachspiel erfunden haben, um seinen schwermütigen Herrscher Shihram aufzumuntern. Dem Tyrannen gefiel das Spiel derart gut, dass er - reich wie er war - seinem Untertanen jeden Wunsch erfüllen wollte. Der Minister forderte, dass auf das erste Feld seines Schachbretts ein Reiskorn gelegt werde. Auf die folgenden Felder des Schachbretts sollten weiter jeweils doppelt so viele Reiskörner gelegt werden, wie sich auf dem vorherigen Feld befanden. Als Lohn für seine Mühe wünschte sich der Minister nun die Gesamtzahl all dieser Reiskörner. Shihram war zunächst wütend über diesen seiner Ansicht nach lächerlichen Wunsch und sagte dem Minister diese Menge an Reis zu. Anschließend ergab sich allerdings ein großes Problem für den Herrscher. Können Sie sich vorstellen, worin das Problem bestand?
      Aufgabe 1
      Um uns diesen Vorgang einmal näher zu betrachten, interessieren uns der Einfachheit halber nur die einzelnen Felder:
      • Berechnen Sie, wie viele Reiskörner auf dem zweiten, dritten, vierten und auf dem letzten Feld liegen.
      • Angenommen, es gäbe n Felder. Wie viele Körner würden auf dem n-ten Feld liegen? Überprüfen Sie ihre Antwort, indem sie z. B. für n=2 einsetzen und es mit dem Ergebnis aus der letzten Teilaufgabe vergleichen.
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      Da stets eine Verdopplung vorliegt und auf dem ersten Feld ein Reiskorn liegt, sind auf dem zweiten zwei Reiskörner, auf dem dritten vier und auf dem vierten acht Körner. Betrachtet man diese Zahlenfolge näher, so zeigt sich, dass auf dem n-ten Feld jeweils 2n-1 Körner liegen müssen. So befinden sich z. B. auf dem zweiten Feld 22-1 = 21 =2 Körner und auf dem vierten 24-1 = 23 =8. Dementsprechend werden auf dem letzten Schachfeld (dem 64-ten) genau 264-1 = 263 =9 223 372 036 854 775 808 Reiskörner zu finden sein.
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      Um die gesamte Menge an Reiskörnern zu berechnen, muss man letztlich noch die Anzahl der Körner auf den einzelnen Feldern addieren. Hierbei ergibt sich eine Gesamtzahl von
      18446744073709551615 Körnern. Die Rechnung können Sie hier nachlesen.
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      Auf dem ersten Feld liegt 1 Korn.
      Auf den ersten beiden Feldern liegen zusammen 1+2=3 Körner.
      Auf den ersten drei Feldern liegen zusammen 3+4=7 Körner.
      Auf den ersten vier Feldern liegen zusammen 7+8=15 Körner.
      Auf den ersten fünf Feldern liegen zusammen 15+16=31 Körner.
      usw.
       
      Es befinden sich z. B. auf den ersten beiden Feldern insgesamt 22 -1=4-1=3 Körner und auf den ersten vier Feldern insgesamt 24 -1=16-1=15. Verallgemeinernd kann man vermuten, dass sich auf den ersten n Feldern 2n -1 Körner befinden. Es müsste also folgende Formel gelten:

      20 + 21 + 22 …+ 2n-2 + 2n-1 = 2n -1

      Dies ist eine bekannte Formel, die üblicherweise im Kontext der geometrischen Reihe begründet wird. Dementsprechend liegen auf allen 64 Schachfeldern zusammen genau
      264 -1=18 446 744 073 709 551 616-1=18 446 744 073 709 551 615 Reiskörner.

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      Um sich die Größenordnung dieser Menge vorzustellen, hier ein paar Rechenbeispiele:
      • Diese Menge entspricht der Reisernte von 4 Jahren, wenn man die gesamte Erdoberfläche (einschließlich Pole und Wasserflächen) vollständig mit Reis bepflanzen könnte.
        Rechnung zum Nachlesen
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        1. Wie schwer ist der gesamte Reis auf dem Schachfeld?
          Wir können davon ausgehen, dass ein Reiskorn etwa 50 Milligramm wiegt. Das sind 0,05 g. (Unterschiedliche Reissorten wiegen natürlich unterschiedlich viel, aber dieser Wert genügt uns für eine grobe Abschätzung.)
          Diesen Wert multiplizieren wir mit der (gerundeten) Anzahl der Reiskörner.
          18,5  Trillionen · 0,05  g = 0,925  Trillionen g = 925  Billiarden g = 925  Billionen kg = 925  Milliarden t = 925 000 000 000  t

          Der Reis auf dem Schachfeld wiegt also etwa 925 Milliarden Tonnen.
        2. Wie schwer ist der Reis, der weltweit in einem Jahr geerntet wird?
          Wir nehmen an, dass wir die gesamte Erdoberfläche (inklusive Pole und Wasserflächen) bepflanzen könnten. Bei Wikipedia (Zugriff im Februar 2020) kann nachgelesen werden, wie groß die Oberfläche unserer Erde ist: Sie beträgt 510 Millionen km 2 .
          Die Fläche rechnen wir in die Einheit Hektar um.
          510  Millionen km 2 = 51 000  Millionen Hektar = 51  Milliarden Hektar

          Nach Wikipedia (Zugriff im Februar 2020) war die weltweite Ernte von Reis in der Saison 2017/2018 etwa 4,6 Tonnen pro Hektar. Diesen Faktor multiplizieren wir mit dem Wert für die Erdoberfläche:

          51  Milliarden Hektar · 4,6  t Hektar = 234,6  Milliarden t

        3. Wie viele Jahre dauert es, bis wir mit der Reisernte die Reismenge des Schachfelds erreichen?
          Dafür teilen wir das Gewicht der Reismenge auf dem Schachbrett durch das Gewicht der Jahresernte:
          925  Milliarden t 234,6  Milliarden   t Jahr = 925 234,6   Jahre ≈3,94  Jahre

          Die Reismenge auf dem Schachfeld ist also etwa die Ernte von 4 Jahren Reisanbau auf der gesamten Erdoberfläche.

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      • Der Transport dieser Getreidemenge würde derart viele Fahrzeuge erfordern, dass diese direkt hintereinander gestellt etwa 19 000 mal um die Erde reichen würden.
        Rechnung zum Nachlesen
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        1. Wie viele Lastwagen (Lkw) braucht man für den Transport des Reises?
          Wie beim ersten Rechenbeispiel schon ausgerechnet, wiegt der Reis auf dem Schachbrett etwa 925 Milliarden Tonnen.
          Ein Lastwagen hat in der Regel maximal 24 t Nutzlast.
          Also benötigt man für den gesamten Reis
          925  Milliarden t 24  t Lkw ≈38,54  Milliarden Lkw  .

          Im Folgenden rechnen wir vereinfacht mit etwa 40 Milliarden Lkw.
        2. Wie lang ist die Schlange aus Lastwagen?
          Nach Vorgaben der EU dürfen Nutzfahrzeuge maximal 18,75 m lang sein. Wir gehen davon aus, dass alle unsere 40 Milliarden Lkw diese maximale Länge ausnutzen.
          Wenn wir alle Fahrzeuge direkt hintereinander stellen, dann ist die Gesamtlänge
          40  Milliarden · 18,75  m = 750  Milliarden m = 750  Millionen km

        3. Wie oft reicht die Schlange aus Lkw um die Erde?
          Der Umfang der Erde beträgt etwa 40 000 km (z.B. bei Wikipedia (Zugriff im Februar 2020) nachzulesen). Das bedeutet, eine Schlange von Lkw, die genau 40 000 km lang ist, reicht genau einmal um die Erde.
          Unsere Schlange ist mit 750 Millionen km jedoch deutlich länger als 40 000 km.
          750 000 000  km 40 000  km =18 750

          Das heißt, die Lkw-Schlange reicht (gerundet auf Tausender) etwa 19 000 mal um die Erde.

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      • Wenn man den Berg Reis z. B. in England abladen würde, wäre das gesamte Land unter einer 3,50 m hohen Schicht Reis begraben.
        Rechnung zum Nachlesen
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        1. Wie groß ist das Volumen der gesamten Reismenge auf dem Schachbrett?
          Wir nehmen an, dass ein Reiskorn etwa den Platz eines Quaders der Abmessungen 2 mm × 2 mm × 6 mm benötigt. Die Abschätzung berücksichtigt, dass zwischen den Reiskörnern Lücken bleiben. Die Länge eines Korns von 6 mm ist ein Durchschnittswert für verschiedene Sorten.
          Das modellierte Volumen eines Reiskorns ist das Volumen eines Quaders:
          2  mm ·2  mm ·6  mm =24  mm 3 .

          Das Volumen der etwa 18,5 Trillionen Reiskörner auf dem Schachbrett ist dann
          18,5  Trillionen · 24  mm 3 = 444  Trillionen mm 3 = 444  Billiarden cm 3 = 444  Billionen dm 3 = 444  Milliarden m 3

        2. Wie hoch reicht der Reis, wenn er in England abgeladen wird?
          England ist nach Angaben von Wikipedia (Zugriff im Februar 2020) etwa 130 000 km 2 groß. Eine Umrechnung der Einheiten ergibt:
          130 000  km 2 = 13 000 000  Hektar = 1 300 000 000  Ar = 130 000 000 000  m 2 = 130  Milliarden m 2

          Wenn der Reis gleichmäßig auf dieser Fläche verteilt wird, erhalten wir die Höhe der Schicht, indem wir das Volumen aus dem ersten Schritt durch die Größe der Fläche teilen:
          444  Milliarden m 3 130  Milliarden m 2 ≈3,42  m

          Die Reisschicht ist also etwa 3,50 m hoch.

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      • Wie W. Haas 1982 in der Zeitschrift „Rochade“ schrieb: „Ein Güterzug mit allen Körnern, der mit 80 km/h, d. h. mit 2 Waggons pro Sekunde an uns vorbeiführe, jeder einzelne mit 20 Tonnen Reis beladen, bräuchte dazu 730 Jahre.“
        Rechnung zum Nachlesen
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        Die Anzahl an Loks, die man bräuchte, um diese Waggons zu ziehen, vernachlässigen wir bei den folgenden Betrachtungen.
        1. Wie viele Waggons werden für den Reis benötigt?
          Jeder Waggon fasst nach den Angaben 20 Tonnen, wobei insgesamt 925 Milliarden Tonnen Reis verladen werden müssen. Es werden also
          925  Milliarden t 20  t Waggon =46,25  Milliarden Waggons

          benötigt.
        2. Wie lange brauchen die Waggons, um an uns vorbeizufahren?
          Nach W. Haas fahren 2 Waggons pro Sekunde an uns vorbei, sodass wir für die etwa 46 Milliarden Waggons „nur“ 23 Milliarden Sekunden warten müssen.
          Damit wir uns diese Zeitspanne besser vorstellen können, rechnen wir die Größe in die Einheit Jahre um.
          23 000 000 000  s = 23 000 000 000 60·60·24·365   Jahre ≈ 729,33  Jahre

          Also müssen wir 730 Jahre am Bahnübergang warten, bis der Zug vorbeigefahren ist.

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      Aufgabe 2
      Neue Betrachtungen
      Wir betrachten die Zuordnung, die jedem Feld n die Anzahl der Körner f(n) auf diesem Feld zuordnet, als Funktion f:ℕ→ℕ:
      n 1 2 3 4 …
      f(n) 1 2 4 8 …
      • Schreiben Sie die Funktionsgleichung auf.
      • Zeichnen Sie den Funktionsgraphen mithilfe der Werte, die Sie oben berechnet haben.
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      • Es ist f(n)= 2n-1 für alle n∈ℕ.
      • Hier nun ein Ausschnitt des Graphen der Funktion f(n)= 2n-1 für n∈ℕ.
        8_lv_reiskorn1.png
        Bild 2 Ein Ausschnitt des Graphen der Funktion f mit f:ℕ→ℕ und \(n\mapsto 2^{n-1}\).

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      Aufgabe 3
      Höhere Forderungen
      Stellen wir uns vor, der Minister hätte eine Verdreifachung gewünscht.
      1. Geben Sie für diesen Fall einen Term an, der die Anzahl der Reiskörner auf dem n-ten Feld beschreibt.
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        Die Verdopplung haben wir mit dem Term 2n-1 beschrieben.
        Wir könnten vermuten, dass die Verdreifachung zum jeweils nächsten Feld mit dem Term 3n-1 beschrieben werden kann.
        Feldnummer n 1 2 3 4 …
        Anz. Reiskörner auf dem Feld 1 3 9 27 …
        Der Blick auf die Zahlenfolge unterstreicht die Vermutung, dass der Term 3n-1 die Verdreifachung beschreibt:
        Auf dem ersten Feld liegt ein Reiskorn. Dies stimmt mit der Berechnung über den Term überein: Das erste Feld entspricht n=1, die Anzahl der Reiskörner ist dann 31-1 = 30 =1.
        Auf dem zweiten Feld (n=2) müssen es dann drei Körner sein, was mit 32-1 = 31 =3 ebenfalls bestätigt wird.
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      2. Nutzen Sie den Term nun, um die Anzahl der Reiskörner auf den einzelnen Feldern mit einer Funktion zu beschreiben (wie in der vorherigen Aufgabe).
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        Die Verdopplung der Reiskörner haben wir in der vorherigen Aufgabe mit der Funktion f:ℕ→ℕ mit f(n)= 2n-1 beschrieben. Für die Verdreifachung erhalten wir
        g:ℕ→ℕ    mit    g(n)= 3n-1  .


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      3. Zeichnen Sie den Graphen der Funktion in das Koordinatensystem, in das Sie in der vorherigen Aufgabe den Graphen zur Verdopplung der Reiskörner gezeichnet haben.
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        8_lv_reiskorn2.png
        Bild 3 Darstellung der Funktionen f:ℕ→ℕ, f(n)= 2n-1 und g:ℕ→ℕ, g(n)= 3n-1 für n=1 bis 6.

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      4. Vergleichen Sie die Graphen der beiden Funktionen zur Verdopplung und Verdreifachung und halten Sie Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede fest.
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        Beim Vergleich der beiden Graphen fällt zunächst einmal auf, dass der Punkt (1 ; 1) zu beiden Funktionsgraphen gehört:
        f(1) = 21-1 = 20 =1 g(1) = 31-1 = 30 =1


        Um die Unterschiede einfacher feststellen zu können, müssen wir die Achsen des Koordinatensystems noch weiter zeichnen als bisher.
        8_lv_reiskorn3.png
        Bild 4 Darstellung der Funktionen f:ℕ→ℕ, f(n)= 2n-1 und g:ℕ→ℕ, g(n)= 3n-1 für n=1 bis 7.
        Die Punkte des blauen Graphen liegen ab n=2 immer über den roten Punkten. Der blaue Graph wächst schneller als der rote Graph, weil sich beim Übergang von einem Feld des Schachbretts zum nächsten die Funktionswerte von g jeweils verdreifachen und bei f nur verdoppeln.
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      Fortsetzung der Überlegungen anhand der Einwohnerzahlen von Kassel

      Wir wollen nun Überlegungen zu Exponentialfunktionen, die nicht nur für natürliche Zahlen definiert sind, anstellen.
      Wir haben in der Lerneinheit Potenzen, Wurzeln, Logarithmen Potenzen der Form ax für a>0 und alle x∈ℝ definiert. Mit einem Funktionenplotter kann man solche Funktionen plotten. Im nachfolgenden Bild ist der Graph der Funktion mit der Vorschrift f(x)= 2x dargestellt.
      8_lv_exp_hinfuehrung_plot.png
      Bild 5
      Wir haben die Funktionswerte an den Stellen x=1,2,3 und x=-1,-2 hervorgehoben.
      Man kann mit Exponentialfunktionen stetige Wachstumsprozesse modellieren. Dazu schauen wir uns genauer an, wie sich das Bevölkerungswachstum von Kassel mit einer Exponentialfunktion modellieren lässt.
      Angenommen in Kassel hätten Anfang des Jahres 2000 genau 185000 Menschen gelebt. Nehmen wir zudem an, die Einwohnerzahl würde jährlich immer um 1,4% ansteigen.
      • Fragen wir uns zunächst, wieviele Menschen dementsprechend ein Jahr später in Kassel leben würden. Dazu nehmen wir die Zahl von Anfang 2000 ( 185000), multiplizieren diese mit dem Faktor 0,014 (das entspricht 1,4%) und erhalten 185 000·0,014=2590. Somit ist die Bevölkerung vom Jahr 2000 auf das Jahr 2001 um 2590 Menschen gestiegen.
        Um schließlich die gesamte Bevölkerungszahl für 2001 anzugeben, muss dieser Wert letztlich noch zur Zahl aus 2000 addiert werden. Insgesamt ergibt sich somit:
        2590+185 000=187 590 .

        Wir schreiben die Rechnung nun etwas anders auf, weil es uns anschließend ermöglicht, ein Muster zu erkennen:
        185 000·0,014+185 000 = 185 000·(0,014+1) = 185 000·1,014 = 187 590 .

      • Gehen wir einen Schritt weiter und versuchen erneut ausgehend von der Bevölkerungszahl von 2000 direkt die Zahl für 2002 zu berechnen, so ergibt sich folgendes:
        185 000·(0,014+1)·(0,014+1) = 185 000·(0,014+1 )2 = 185 000·1,0142 = 190 216,26 ≈ 190 216 .

        Im letzten Schritt haben wir gerundet, weil Bevölkerungszahlen nur in ganzen Zahlen angegeben werden.
        Analog ergibt sich für 2003:
        185 000·(0,014+1)·(0,014+1)·(0,014+1) = 185 000·(0,014+1 )3 = 185 000·1,0143 ≈ 192 879 .

      • Wenn wir mit x das um 2000 reduzierte Jahr bezeichnen, gilt unter unseren Annahmen für die Kasseler Bevölkerung f(x):
        f(x)=185 000·1, 014x      für  x∈ℕ.

        Mit f(0)=185 000 können wir auch schreiben
        f(x)=f(0)·1, 014x  .

        Es stellt sich die Frage, ob wir die Kasseler Bevölkerung auch zu anderen Zeitpunkten als für x∈ℕ damit modellieren können. Wir setzen zunächst negative ganze Zahlen in den Funktionsterm ein. Es ist
        f(-1) = 185 000·1, 014-1 = f(0)·1, 014-1  .

        Ähnliches gilt für x=-2,-3,…
        Wir erhalten folgende Tabelle:
        x f(x)
        -1 f(0)·1, 014-1
        -2 f(0)·1, 014-2
        -3 f(0)·1, 014-3
        -4 f(0)·1, 014-4
        ⋮ ⋮
        Es ist
        f(-1)=f(0)·1, 014-1 = f(0) 1,014      bzw.     f(0)=f(-1)·1,014 .

        Das würde besagen, dass die Bevölkerung vom Jahr -1 ( = ^ 1999) auf das Jahr 0 ( = ^ 2000) auch um 1,4% wächst. Entsprechend gilt
        f(-1) = f(-2)·1,014 f(-2) = f(-3)·1,014

        Die Gültigkeit von f(x) auch für negative ganze Zahlen anzunehmen, bedeutet inhaltlich, dass wir davon ausgehen, dass auch das Wachstum vor x=0 ( = ^ 2000) durch eine konstante Wachstumsrate von jährlich 1,4% gekennzeichnet ist.
      • Wir betrachten die Funktion f(x)=185 000·1, 014x jetzt für positive x∈ℝ. Welche Eigenschaften hätte der Wachstumsprozess der Stadt Kassel, wenn wir unterstellen, dass das Modell für alle x∈ℝ, x>0 gültig ist?
        Kassel wächst nicht nur in jährlichen Schüben, sondern Tag für Tag mit Sprüngen. Jeder reellen Zahl eine Bevölkerungszahl zuzuordnen ist in jedem Fall eine Idealisierung, f(x) ist i.A. auch keine ganze Zahl, müsste bei der Interpretation also gerundet werden.
        Wir betrachten zunächst halbjährliche Schritte:
            x    f(x) f(x) alternativ berechnet
            0    f(0) f(0)
        1 2 f(0)·1, 014 1 2 f(0)·1, 014 1 2
        1 f(0)·1,0141 f( 1 2 )·1, 014 1 2
        3 2 f(0)·1, 014 3 2 f(1)·1, 014 1 2
        2 f(0)·1,0142 f( 3 2 )·1, 014 1 2
        Die letzte Spalte errechnet sich aus den Potenzgesetzen, z.B.
        f(1)=f(0)·1,0141 =f(0)·1, 014 1 2 ·1, 014 1 2 =f( 1 2 )·1, 014 1 2 .
        Charakteristisch wäre für dieses Modell ein halbjährliches Wachstum mit der konstanten Wachstumsrate 1, 014 1 2 =1,014≈1,00698. Das entspricht einem halbjährlichen Wachstum von 0,698%.
        Entsprechend könnte man bei einer Einteilung in 365 Tage argumentieren. Nimmt man an, dass f(x) für alle x, die Vielfache von 1 365 sind, ein gültiges Modell darstellt, dann gilt für das tägliche Wachstum 1, 014 1 365 =1,00003809=:d, d.h. ein tägliches Wachstum von etwa 0,0038%. Das wären bei Start bei 185 000 Personen nach einem Tag rund 185 007 Personen. Man beachte, dass nicht jeden Tag konstant 7 Personen dazukommen, das wäre lineares Wachstum, sondern immer derselbe Prozentsatz. Nach 365 Tagen hat man wieder den Wachstumsfaktor d365 = (1, 014 1 365 )365 =1,014. Das entspricht 1,4%.
        Wir können auch noch andere Zeiträume mit unserem Modell beschreiben, wie z. B. 0,05 Jahre (das entspricht 18,25 Tagen). Das heißt, am 18. Januar 2000 leben nach dem Modell dann f(0,05)=185 000·1, 0140,05 ≈185 129 Menschen in Kassel.
        Für weitere Zeiträume sind die (gerundeten) Funktionswerte in der folgenden Tabelle dargestellt. Eine Rechnung im Detail wird an dieser Stelle ausgelassen, doch die Werte können durch Einsetzen in die Funktionsvorschrift nachgerechnet werden.
        x f(x)
        0,05 185 129
        0,1 185 257
        0,15 185 386
        0,2 185 515
        0,25 185 644
        0,3 185 773

      Fazit:
      Einen Wachstumsprozess mit einer Funktion f(x) für x∈ℝ zu modellieren impliziert starke Annahmen über die Wachstumsvorgänge: bei gleichen Zunahmen um Δx wächst f immer um denselben Faktor 1, 014Δx , der von Δx abhängig ist. [Das kann man verallgemeinernd mathematisch zeigen.]
      Bei einem konkreten Wachstumsprozess muss man prüfen, ob diese Annahmen zumindest angenähert erfüllt sind, bzw. ob die empirischen Daten durch das Modell annähernd gut beschrieben und vorhergesagt werden. Das wird im Allgemeinen nur für eine Teilmenge D⊂ℝ der Fall sein. Beim Vergleich mit Daten muss man auch berücksichtigen, dass Daten nur zu endlich vielen Zeitpunkten vorliegen und als Messwerte auch immer rationale Zahlen sind. Irrationale Zahlen kommen als Messwerte nicht vor.

       
      \(1+1\)