Prof. Dr. Franziska Bellinger: „Wir wollen die Medienkompetenz junger Menschen stärken“
Im Projekt ULAT „Unlearning Anti-Feminism on TikTok” (gefördert von der Volkswagen-Stiftung) wurde an der Universität zu Köln (UzK) gemeinsam mit „mediale pfade“, einem Verein für Medienbildung, ein Workshop-Konzept entwickelt, das nun auch über ein neues Themenfenster bei ORCA.nrw erreichbar ist. Projektleiterin Juniorprofessorin Dr. Franziska Bellinger (UzK) verrät im Interview, was Nutzerinnen und Nutzer erwarten dürfen, warum Antifeminismen und TikTok so eng zusammenhängen und wieso von Anfang an klar war, dass alle Materialien als OER veröffentlicht werden.
Franziska Bellinger, seit Neuestem stellen wir auf ORCA.nrw das Projekt ULAT vor, an dem du maßgeblich beteiligt warst. Was sieht man beim Blick durch unser neues Themenfenster?
Bellinger: Mit unserem Projekt wollen wir die Medienkompetenz junger Menschen stärken. Dazu haben wir ein modulares Workshop-Konzept entwickelt, mit dessen Hilfe das kritische Denken hinsichtlich Social Media und der Souveränität im Umgang mit den Plattformen gestärkt werden soll. In unserem Projekt haben wir die Beobachtung zum Ausgangspunkt genommen, dass sich auf der Plattform TikTok antifeministische Diskurse aus dem rechten Spektrum in vermeintlich harmlosen Lifestyle-Formaten zeigen. Wir wollten wissen, wie Jugendliche und junge Erwachsene dieses Phänomen wahrnehmen und wie sie durch Bildungsangebote und -materialien in ihrer Handlungsfähigkeit dahingehend gestärkt werden können. Dabei sind offene und empirisch fundierte Bildungsmaterialien (OER) sowie Handlungsempfehlungen für die Bildungsarbeit im Bereich der politischen Medienbildung entstanden. Diese können sowohl in formalen Kontexten wie Schulen oder Hochschulen als auch in non-formalen Kontexten wie Vereinen oder Initiativen zur Förderung eines kritischen Bewusstseins und souveräner Handlungsstrategien im Umgang mit antifeministischen Inhalten und Diskursen auf Social Media genutzt werden.
Heute wirst du interviewt, im Zuge des Projekts saßest du oft auf der anderen Seite des Tisches.
Bellinger: Richtig. Wir haben am Anfang des Projekte eine Interview-Studie durchgeführt, um überhaupt erst den Gegenstandsbereich zu definieren, nämlich wie junge Erwachsene auf TikTok mit antifeministischen Inhalten und Narrativen konfrontiert werden. Dazu haben wir mit 16 Personen im Alter zwischen 15 und 22 Jahren gesprochen. Diese Interviews waren eine wichtige Grundlage, um im Anschluss didaktische Implikationen ableiten, Methoden entwickeln und das Workshop-Konzept gestalten zu können.
ULAT steht für „Unlearning Anti-Feminism on TikTok”. Ganz grundsätzlich gefragt: Was genau versteht man unter Antifeminismus?
Bellinger: Im Kern geht es um weltanschauliche Positionen, die sich gegen Feminismus und die Errungenschaften des Feminismus richten. Diese Narrative und Spielarten schließen auch eine ablehnende Haltung gegenüber der Gleichberechtigung von LGBTQ+ ein. Heteronormative Herrschaftsverhältnisse sollen durch Antifeminismen aufrechterhalten und Ungleichwertigkeit wieder salonfähig gemacht werden. Im wissenschaftlichen Diskurs gilt Antifeminismus auch als Ideologie, die den Zugang zu anderen menschenverachtenden Positionen erleichtern kann. Deswegen ist uns das Thema so wichtig. Es ist gesellschaftlich relevant: Es geht schließlich auch um demokratische Werte und um zentrale Fragen dazu, wie wir zusammenleben wollen.
Warum ist speziell die Plattform TikTok für eure Arbeit so interessant gewesen?
Bellinger: TikTok ist aus vielen Gründen spannend. Die Plattform ist gerade bei vielen jungen Menschen relevant. Anders als auf Instagram oder YouTube hat man viel schneller die Möglichkeit, mit Inhalten viral zu gehen – das kann Fluch und Segen zugleich sein. Wir haben uns also intensiv angeschaut, wie TikTok funktioniert. Die Darbietung der Inhalte über die For-You-Page und wie Diskurse auf der Plattform entstehen, das ist besonders. Gerade auf TikTok ist Antifeminismus ein Thema. Wir versuchen mit unserem Projekt darüber aufzuklären.
Im Projekt sind zahlreiche Materialien entstanden. Auf was dürfen sich Nutzerinnen und Nutzer freuen?
Bellinger: Konkret haben wir ein Workshop-Konzept und Methoden entwickelt, die vielfältig beziehungsweise modular eingesetzt werden können. Damit wollen wir Lehrenden eine Unterstützung an die Hand geben. Wir haben zum Beispiel eine Zeitstrahlmethode, im Rahmen derer eine Auswahl an feministischen Errungenschaften zeitlich einsortiert werden soll. Beim TikTok-Puzzle, unserer Kernmethode, beschäftigt man sich zum Beispiel sehr intensiv mit einem Video, anstelle von nur wenigen Sekunden, wie es auf der Plattform üblich ist. Lehrende können für ihren Workshop diese Bausteine eigenständig auswählen oder den kompletten Ablauf übernehmen. Es geht dabei auch darum, die Plattform und Mechanismen auf Social Media zu kennen und kritisch zu reflektieren.
Du bist seit Jahren in der OER-Welt bekannt und wirst für deine offene Einstellung geschätzt. Wie groß war die Chance, dass die Materialien nicht als OER veröffentlicht werden?
Bellinger: (lacht) Vermutlich null Prozent. Es ist für mich eine grundsätzliche Haltung als Lehrperson: diese Offenheit. Ich bin seit Langem im Bereich der Hochschulentwicklung und Hochschuldidaktik dabei, deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass Offenheit so viel ermöglicht und Lehre dadurch besser weiterentwickelt werden kann. Das gemeinsame Gestalten ist bei etwas ganz Besonderes. Deswegen war schnell klar: Ohne OER gehen wir nicht aus diesem Projekt raus.
Franziska Bellinger zu Gast bei „Lehre verbindet NRW“
Am 25. Juni von 13 bis 14 Uhr stellt Prof. Dr. Franziska Bellinger die Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Projekt ULAT im Rahmen der beliebten ORCA.nrw-Veranstaltungsreihe „Lehre verbindet NRW“ vor. Eine kostenlose Teilnahme ist möglich, wir freuen uns auf Ihre Anmeldung.
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