„Anhand von authentischen Unterrichtsvideos lernen, wie man sprachbildend unterrichten kann“ – das Projekt ViViPro.nrw

Die Vermittlung bildungssprachlicher Kompetenzen spielt in allen Fächern eine wichtige Rolle, wenn Lehrkräfte Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Voraussetzungen Teilhabe am Unterricht ermöglichen wollen. Um angehende Lehrkräfte dafür noch besser vorzubereiten, sind im OERContent.nrw-Projekt „Videovignettenbasierte Online-Kurse zur Professionalisierung Lehramtsstudierender für sprachbildendes Unterrichten“ – kurz ViViPro.nrw – drei modulare Online-Kurse entstanden: an der Universität Paderborn für sprachliche Bildung im Fach Geschichte, an der Bergischen Universität Wuppertal für sprachliche Bildung im Fach Biologie und an der Universität Duisburg-Essen für sprachliche Bildung im Fach Kunst. Alle Kurse sind für den Einsatz im Modul „Deutsch für Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte“ (DSSZ) konzipiert, das seit 2009 obligatorischer Bestandteil aller Lehramtsstudiengänge in NRW ist. Die ViViPro.nrw-Materialien sind seit Neuestem in der Fächer-Bibliothek auf ORCA.nrw abrufbar. Beim Abschlusstreffen in Paderborn haben wir mit den Projektbeteiligten über ihre Zusammenarbeit, die entstandenen Inhalte und die Relevanz des Projektthemas gesprochen.

„Beschreibe das Bild“ – so lautet eine gängige Aufgabenstellung im Kunstunterricht. Klingt einfach, es steckt aber mehr dahinter. Das sieht man, wenn man das ViViPro.nrw-Modul für den Fachbereich Kunst startet, denn unter anderem mit dieser Aufgabenstellung setzt man sich als Nutzerin oder Nutzer dezidiert auseinander.

Prof. Dr. Tobias Schroedler (Universität Duisburg-Essen): Wenn ich als Lehrkraft eine Aufgabe stelle, wecke ich Erwartungen, die der Sprache und der gewählten Formulierung folgen. Sich dessen bewusst zu sein, ist unheimlich wichtig. Und Lehrkräfte in diesem Kompetenzbereich zu schulen, ist Teil unseres Auftrags in der Lehrkräftebildung. Im Projekt haben wir uns an allen drei Standorten intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und sind froh, dass so viele Materialien entstanden sind.

Im Namen Ihres Projekts ist von Videovignetten die Rede. Was genau versteht man unter einer Vignette?

Lydia Böttger (Universität Paderborn): Im Projekt sind insgesamt drei Moodle-Kurse produziert worden – je einer für das Fach Kunst, Geschichte und Biologie. Diese Kurse unterteilen sich in verschiedene Bausteine, die wir Vignetten nennen. Eine Vignette – beispielsweise zum Thema „Mehrsprachigkeit im Geschichtsunterricht“ – beinhaltet nach Benz 2020 die Darstellung einer Lehr-/Lernsituation aus zum Beispiel einem Video und einem Bearbeitungsimpuls. Die Bearbeitungsimpulse sind Gegenstand der begleitenden H5P-Lerneinheiten, in denen zum Beispiel Bezüge zu theoretischen Konzepten aufgezeigt, Fragen und Aufgaben gestellt und begleitende Materialien wie Arbeitsblätter und Transkripte zur Verfügung gestellt werden.

Wie kam die Idee zum Projekt zustande?

Prof. Dr. Constanze Niederhaus (Universität Paderborn): Wir wissen heute, dass die Mehrsprachigkeit von Schülerinnen und Schülern eine wichtige Ressource ist. Gleichzeitig sind Kompetenzen in der deutschen Sprache für Teilhabe an Bildung wichtig. Aus diesem Grunde wurde 2009 das DSSZ in das Lehrerausbildungsgesetz (LABG) aufgenommen. In NRW absolvieren alle Lehramtsstudierenden dieses Modul im Umfang von meistens sechs Leistungspunkten. Ziel des Moduls ist es, Studierende für sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeitsorientierung in allen Fächern zu qualifizieren. Wir haben herausgefunden, dass Studierende im DSSZ-Modul zwar signifikante Kompetenzzuwächse erlangen, aber aufgrund des geringen zeitlichen Umfangs nicht zu Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet werden. Das wollen wir mit ViViPro.nrw ändern und haben Kurse entwickelt, die Dozierende im DSSZ-Seminar einsetzen oder Studierende im Selbststudium nutzen können.

Wie genau sind die Kurse in ViViPro.nrw aufgebaut?

Niederhaus: Die Basis aller ViViPro.nrw-Module sind Videos. Wir haben an Schulen authentischen Unterricht gefilmt. Anhand dieser Videos können die Studierenden die Vorgehensweisen der Lehrenden und die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler analysieren und erarbeiten sich so, wie man in den drei genannten Fächern sprachbildend unterrichten kann.

Sie bilden in den Videos also authentische Situationen ab und haben diese nicht mit Schauspielern nachgestellt.

Dr. Corinna Peschel (Bergische Universität Wuppertal): Es war uns von Anfang an wichtig, dass die dargestellten Unterrichtssituationen so authentisch wie möglich sind. Das hat die Planung nicht unbedingt einfacher gemacht, denn wir mussten an allen Standorten erst mal Schule und Schüler*innen finden, die dazu bereit waren, eine Kamera im Unterricht zuzulassen. Und natürlich mussten wir zahlreiche rechtliche Punkte klären. Aber das hat sich gelohnt. Die Rückmeldungen sind bisher aus allen Richtungen sehr gut.

Dr. Matthias Prikoszovits (Universität Paderborn): Die Videos helfen dabei, die Situationen greifbar und anschaulich zu machen. Viele Lehramtsstudierende haben bisher nur mit Transkriptionen in Textform gearbeitet, jetzt können sie in die Gesichter der handelnden Personen sehen und sind dadurch viel tiefer in der Situation. Das hilft für den Lernerfolg.

Dr. Mareike Müller (Universität Paderborn): Wir merken auch, dass die Inhalte durch die Videos nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Ich war sehr erstaunt, dass Studierende sich auch Monate später noch an bestimmte Videos erinnert haben. Das ist schön zu sehen.

Wie sind Sie bei den Drehterminen und der Umsetzung vorgegangen?

Böttger: Das war von Standort zu Standort unterschiedlich. In Paderborn hatten wir das große Glück, dass eine Kollegin im Team schon Kontakt zu einer Schule hatte – das war der schnelle Türöffner. Wir haben uns dann vorab mit den Lehrkräften getroffen und die Zustimmung der Schulleitung, der Lehrkräfte und der Schüler*innen zu den Videoaufnahmen eingeholt. Die Produktion der Filme hat eine externe Firma übernommen. Die anderen Standorte sind teilweise anders vorgegangen. An der Universität Duisburg-Essen hat zum Beispiel die wissenschaftliche Mitarbeiterin die Videos gedreht und geschnitten.

Nach über zwei Jahren Arbeit sind die in ViViPro.nrw entstandenen Materialien nun veröffentlicht und unter anderem über ORCA.nrw frei zugänglich. Was soll bestenfalls mit den Kursen geschehen?

Schroedler: Unser aller Wunsch ist, dass die Materialien in der Lehre zum Einsatz kommen. Die Materialien sind allesamt OER-lizenziert und barrierearm gestaltet. Für uns wäre es daher schön zu sehen, dass sie auch außerhalb der im Projekt beteiligten Hochschulen genutzt und vielleicht ja sogar weiterentwickelt werden.

Peschel: Wir freuen uns sehr, dass die Kurse veröffentlicht sind und wirklich genutzt werden – genau dafür haben wir sie erstellt. Ich bin sehr froh, an diesem Projekt mitgewirkt zu haben. Dass wir mit Kolleginnen und Kollegen von drei verschiedenen Hochschulen interdisziplinär an diesem Thema gearbeitet haben, hat viele neue Impulse und Ideen freigesetzt. Das war in der Zusammenarbeit etwas ganz Besonderes.

Niederhaus: Der Austausch und das Arbeiten im Projektteam haben auch mir enorm viel Freude bereitet. Es sind tolle Materialien entstanden, die hoffentlich sofort ihren Platz in der Lehre finden werden. Ein großer Dank gilt dem großartigen Projektteam und auch den Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern, die bei der Produktion unserer zahlreichen Videos mitgewirkt haben. Ohne ihre Bereitschaft und ihr Engagement wäre das Projekt nicht möglich gewesen.